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Mittwoch, 6. Januar 2016

290.000 Zahlen oder: Willkommen in der Matrix.

An der Raffinesse des ursprünglichen Titels, den ich für mein erstes Posting im neuen Jahr gefunden habe ("Lagebericht"), kann man erahnen, in welchem Zustand ich mich gerade befinde - meine Kreativität stellt sich derzeit als eine Nulllinie dar, begleitet von einem gleichbleibenden Summton. Das heißt aber nicht, dass es mir schlecht geht - aber es ist so kurz vor knapp, dass ich mich in eine Art meditatives Exil zurückgezogen habe. (Da ist es schon wieder - Exil.)

Die letzten Wochen zeichneten sich durch eine totale Blockade aus, die sich aus meiner heillosen Überforderung ergibt, die Theorie für meine Masterarbeit rund zu bekommen und dabei keinen Zusammenhang zu unterschlagen, dabei aber einen Schwerpunkt zu finden, auf den ich mich konzentrieren kann, das dafür passendste der vielen Modelle zu finden, hierfür auch die Literatur aufzutreiben und dann einen roten Faden hineinzubringen, der alles nachvollziehbar und flüssig verbindet. Und das ist eine  ziemliche Katastrophe, denn eigentlich sollte die Theorie bis dato schon geschrieben sein - was sie auch ist, nur nicht so, dass ich etwas davon verwenden könnte. Viel zu komplex, viel zu breit. Ja, es macht sich Panik breit.

In diesen Zustand platzten dann die Feiertage, die ich zwar irgendwie genießen konnte, aber wie das halt so ist mit der Verdrängung: Man bekommt es potenziert zurück: Die letzten Tage hatte ich entweder bereits vor dem Aufstehen morgens Kopfschmerzen oder ich wachte nach 4 Stunden Schlaf zwischen 4.30 Uhr und 5.30 Uhr auf und war hellwach - und da fällt mir eben mal nichts anderes ein,, als mich direkt an den Schreibtisch zu begeben. Als sich nun auch noch erneut Halsschmerzen und dicke Lymphknoten ankündigten, reichte es mir und ich habe mir massivst die Bremse reingehauen. Wenn mein Sohn da war (und das war nicht oft der Fall, er durfte einen großen Teil der Ferien bei seiner Omi genießen) ging auch ich ins Bett, wenn er schlafen ging, und da er in solchen Zeiten, in denen er fast ständig weg von mir ist, gern bei mir einschläft, zwang mich das zur Ruhe. So lagen wir um 20 Uhr in den Federn, hörten Satiren von Kishon an und ratzten dabei beide in Nullkommanichts weg - die elf Stunden Schlaf waren Gold wert...

Ansonsten strukturiere ich meinen Tag gerade durch Rituale und viel, viel Achtsamkeit - auf meine Art, und ich merke, wie entspannt, konzentriert und effektiv ich seitdem arbeiten kann.

Nur nicht an meiner Theorie - dafür an der Statistik. Und ich liebe es! Ich schreibe zwar gern, aber zum Theorie-Schreiben gehört halt auch Lektüre und ich habe große Probleme, konzentriert Texte wirklich zu lesen. Ich lese auch seit Jahren privat fast gar nicht mehr. Texte scannen und Tabellen erfassen, das kann ich. Aber von dem, was ich eigentlich noch lesen müsste, fühle ich mich erschlagen und bei der Recherche komme ich immer vom Hundertsten ins Tauendste. Ich werde nie, nie fertig. Aber Tabellen, Zahlen - traumhaft. Mit sowas kann ich arbeiten.

Und so habe ich mir nun meinen finalen Datensatz gezogen - an die 290.000 Zellen und ebenso viele Zahlen hat die Tabelle, mit der ich arbeite. Daten von ca. 850 Müttern. Aktuell bereite ich die Daten noch auf.  Transformiere die Variablen, berechne neue (vor allem betrifft das die Gesamtskalen) und bügle Fehler aus, die ich bei der Erstellung der Umfrage natürlich auch gemacht habe. Ich tauche ab in meine riesige Tabelle und bin glücklich, weil mir das alles leicht von der Hand geht.

Dabei passiert aber etwas anderes. Ich sehe ja auch die Daten und kenne die Variablen und Werte wie meine Hosentasche. Dadurch werden für mich meine Probandinnen alle sichtbar. Ein Freund hat mir, als ich davon erzählte, das passende Bild dafür in Erinnerung gebracht:



Der Moment, als im Film "Matrix" Neo zum ersten Mal die Matrix sehen kann bzw. erkennen kann, was sie kodiert.

Bei mir sieht das Ganze übrigens so aus:

 

So ähnlich wie Neo in der Matrix geht es mir - ich sehe im Datensatz meine Probandinnen. Sie sind - für mich - eben nicht nur eine laufende Nummer, sondern Frauen, die unheimlich viel leisten und teilweise auch ertragen müssen. Wie viele haben angegeben, ständig unter Schmerzen zu leiden oder völlig isoliert zu sein. Wie viele offene Antworten zeigen mir die Schicksale - frische Trennungen, verlorene oder sehr kranke Kinder.

Das berührt mich sehr und macht mich gleichzeitig dankbar und stolz, dass sie sich trotzdem die Zeit genommen haben, mir zu helfen.
Die Frauen, die ich in meinen Daten sehe, sind ein großer Ansporn, meine Arbeit gut zu machen und zu versuchen, im Anschluss weiter zu gehen - eine Projektidee habe ich schon und/oder ein Thema für eine Dissertation.

Aber eins nach dem anderen. Jetzt heißt es erst einmal: Nicht die Nerven verlieren und gesund bleiben, um mein Masterstudium zu einem guten Ende zu bringen.

Mittlerweile hat sich aber wenigstens ein Fünkchen Kreativität geregt. Mein neuer Titel klingt wesentlich origineller, finde ich. Das lässt hoffen.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Weihnachten?!

Im Vereinbarkeitsblog wird heute gefragt, wie bei uns Doppelagentinnen der Advent so läuft, also eher hektisch oder besinnlich. Ich antworte hier, weil es so gut passt:

Mein Schlachtplan:

  • Mindestens einen Monat vor Weihnachten einen Zeitplan machen. Der hat zwar in den seltensten Fällen etwas mit meinem Privatleben zu tun, aber wenn er fertig ist, sehe ich genau, an wie vielen Tagen ich überhaupt noch Freizeit habe. Dieses Jahr sind es bis Weihnachten noch genau: Null. Jedes Wochenende ist mit Arbeit verplant, der Junge ist beim Papa.
  • Plätzchen: Plätzchen?! Kein einziges. Der Illusion gebe ich mich schon gar nicht mehr hin...
  • Weihnachtsgeschenke werden online bestellt. Nein: Wurden. In der Regel das ganze Jahr über und irgendwann ist dann auch Weihnachten, auf jeden Fall immer rechtzeitig. Beschenkt werden genau vier Personen: Kind, Mutter, Cousine + ihr Mann. Bisher kam immer eine selbstgemachte Komponente mit unter den Baum, auch dafür habe ich dieses Jahr keine Zeit. Tja. Alle sind vorgewarnt, es wird also keiner enttäuscht sein, dass es heuer keine selbstgesiedete Seife, Konfitüre oder Stollenkonfekt gibt.
  • Dieses Jahr verzichte ich sogar auf mein heißgeliebtes Menü - die Familie bekochen ist eigentlich mein absolutes Highlight. Dieses Jahr: Raclette.
  • Deko: Eine Woche vor dem ersten Advent und zwar genau zwei Adventskränze. Beide aus Blech, trotzdem hübsch und Kerzen habe ich das ganze Jahr. Die Jahre zuvor holte ich immer alles raus, dieses Jahr habe ich festgestellt, dass weniger mehr ist. Und gleichzeitig doch weniger, nämlich: Weniger Zeug, das beim Abstauben im Weg herumsteht. Ach ja, die Weihnachtsservietten hätte ich fast unterschlagen. 
  • Allerdings wird ein Segment aus dem Wohnzimmerregal komplett leergemacht und mit Weihnachtsbüchern und CDs gefüllt, die wir jedes Jahr herausholen.
  • Und jetzt kommt's: Ich konnte mich zu einem Plastikbaum durchringen. Ja, furchtbar! Aber: Über die Jahre gerechnet günstiger als ein echter, weniger Dreck durch herabfallende Nadeln, ich habe ihn immer daheim und muss keinen mehr besorgen und er ist hübsch! Und fast doppelt so groß, wie die 20-Euro-Miniaturbäumchen, um die es mir zudem irgendwie immer Leid tat.
Klingt total unromantisch, oder?

Weihnachten ist trotzdem mein Lieblingsfest. Ich bin kein Christ und dennoch bedeutet es mir viel. Es ist für mich ein Fest, bei dem es um Liebe und Licht geht in einer kalten und dunklen Zeit. Und zwar physikalisch und gesellschaftlich dunkel, dieses Jahr ganz besonders!

Meine schönsten Kindheitserinnerungen verbinde ich mit Weihnachten. Ich höre die Musik im Wohnzimmer meiner Eltern noch immer, habe die Gerüche in der Nase, als wäre es gestern gewesen. Auch unsere kleinen Traditionen, wie die vorweihnachtlichen Ausflüge mit meinem Vater oder die Messinganhänge, die meine Eltern sich gegenseitig an die Geschenke machten oder unsere Weihnachtspyramide, haben sich vor allem in mein emotionales Gedächtnis eingebrannt; von diesen Erinnerungen werde ich wohl mein Leben lang zehren.

Wie holen wir uns aber heute unsere besinnlichen Momente, wir zwei . zu der Zeit, in der klassischerweise bei mir die Arbeitslast immer ihr Jahreshoch erreicht?
  • Jeden Morgen gibt es eine schöne, ruhige und festliche Kinder-CD mit Liedern, Geschichten und Gedichten.
  • Wenn ich die Wohnung nicht gleich am Morgen verlassen muss, was zurzeit fast immer der Fall ist, wird eine Kerze angezündet. 

 


  • Eines unserer täglichen Highlights ist die Adventskalender-App und zwar der Adventskalender von Jackie Lawson: Das Türchen wird beim Frühstück am Tisch geöffnet, ähm: Angeklickt. Danach folgen die anderen Adventskalender.


  • Und Abends gehören Weihnachts-CDs, Kerzen, Räucherkegel und natürlich Vorlesen zu unserem Programm (Sandmännchen-Adventskalender-Geschichten. Mindestens). Mein Sohn darf danach häufig im Wohnzimmer auf dem Sofa eingekuschelt noch eine CD anhören und wenn er dabei einschläft, trage ich ihn ins Bett. Meist spielt er aber nur, dass er eingeschlafen ist, und ich muss so tun, als sei er tatsächlich eingeschlafen und ihn trotzdem in sein Zimmer tragen...
  • Kleine Spaziergänge am Abend bringen noch ein wenig Zauber in den Alltag. Die schönen Lichter überall versetzen uns für eine Weile in einen richtig aufgeregten Zustand voller Vorfreude.
  • Nicht zu vergessen das geschmückte Fenster im Kinderzimmer: 
Ich hoffe, das ist das letzte richtig stressige Weihnachten. Ich wünsche mir sehr, dass ich nächstes Jahr wieder ein bisschen weniger "ökonomisch" vorgehen muss.

Am 24. ist mein Sohn tagsüber beim Papa und kommt spät nachmittags zu mir. Bis dahin werde ich den ganzen Tag kitschige Musik hören und den Tisch festlich herrichten und am 25. und 26. dann vor allem: Einen Gang runterschalten mit den Menschen, die mir am meisten bedeuten.





Freitag, 4. Dezember 2015

Quality Time

Freitagabend ist derzeit so ziemlich das einzige, das mein kleiner Master und ich gemeinsam vom Wochenende haben. Ok, den Samstagmorgen noch. Das geht nun bis Weihnachten so.

Das ist gerade in der Vorweihnachtszeit besonders schade - an den Adventssonntagen wird er ausnahmslos bei seinem Papa oder bei der Omi aufwachen. Trotzdem habe ich ihm natürlich 24 Babysöckchen gefüllt, wie jedes Jahr, und die etwas größere Süßigkeit gibt es eben schon am Freitagabend. 

Solche Zeiten sind nicht neu. Seit Jahren gibt es sie, diese Phasen, in denen ich so unter Zeitdruck arbeite, dass mein Kleiner sehr viel Zeit bei Omi oder natürlich auch Papa verbringt. Oma ist aber die besser planbare Adresse.

Zum einen waren da immer die Prüfungsphasen, die Klausuren lagen passenderweise in jedem Wintersemester um seinen Geburtstag herum - eine am Tag davor, eine am Tag danach - oder so. Und Klausuren gab es ja nach jedem Semester. 

Zudem habe ich nun im dritten Jahr einen Job, der mir immer in den Weihnachtsferien und Ende Januar - richtig: Genau vor den Klausuren - einen Haufen Arbeit verursacht: Ca. 450 oder mehr Seiten Korrekturarbeiten und Supervision bei 15 Gesprächen. Und das macht so richtig Spaß - aber im Hintergrund läuft die Zeit für meine eigenen Prüfungen...

Und so kommt es, dass ich gerade im Winter immer sehr gut loslassen können muss. 
Mein Sohn hat sich noch nie beschwert - Geburtstag feiern wir nach und er liebt es bei Oma auf dem Land und auch bei Papa, der ja immer tolle Sachen mit ihm unternimmt. Ab ca. dem dritten Genurtstag haben Kinder Erinnerungen - mein Junge kennt es nicht anders.

Früher fiel mir das noch schwerer, mittlerweile komme ich damit klar. Und versuche immer, im Alltag möglichst viel Qualität einzubauen - wir hören morgens beim Frühstück unsere Weihnachts-CDs an, gucken gemeinsam in den (okay..... die) Adventskalender, oft brennt die Kerze im Adventskranz  und natürlich lese ich oft vor. Ha, und mittlerweile liest mein kleiner Master mir auch was vor! Flüssig und unglaublich süß. 

Am Samstag lassen wir den Tag gemütlich beginnen mit Frühstück in Ruhe und optimalerweise Pfannkuchen. Dann verabschieden wir uns, ich mache den Haushaltrskram, der wochentags liegen geblieben ist, und kleinere Arbeiten und am Sonntag sitze ich am Schreibtisch, bis ich mein Kind wieder hole. 

Und dann wäre da noch der Freitagabend - der gehört jetzt uns und "Hotel Trassilvanien". Wir haben keinen Fernseher, dafür aber einen Miniprojektor und einen Streamingdienst, und nun wird Kuscheln gefordert, weshalb ich ab sofort und bis auf Weiteres keine Hand mehr zum Schreiben frei habe. ;-)




Mittwoch, 2. Dezember 2015

Neues von der Masterarbeits-Baustelle

Heute packe ich endlich mal wieder die Gelegenheit beim Schopf, ein wenig über den aktuellen Stand meiner Arbeit zu berichten. Sehr häufig komme ich nicht zum Blog-Schreiben, da ich im Grunde genommen den ganzen Tag am Rotieren bin - der Tag bräuchte derzeit ca. fünf Stunden mehr.

Meine Befragung ist nun seit ziemlich genau vier Wochen im Feld; bisher habe ich 305 Datensätze, die ich verarbeiten kann.

Das klingt erst einmal gut.

Problematisch ist allerdings, wie sich die verschiedenen Familien-/Beziehungsmodelle verteilen: Ich habe 158 Teilnehmerinnen, die verheiratet sind, 75 Singles sowie 42, die mit einem Partner zusammenleben und 30 mit einem Partner in getrennten Wohnungen.

Da insbesondere die Gruppe der Alleinerziehenden "mit neuem Partner in getrennten Wohnungen" genauer untersucht werden soll, sind 30 Probandinnen in der Stichprobe recht wenig.

Ergo war es heute einmal wieder an der Zeit, viele E-Mails zu schreiben und um Hilfe zu bitten. Acht E-Mails gingen im Lauf des Vormittags ins Land und ich hoffe, dass sich noch einige UnterstützerInnen finden werden und das möglichst bald, denn ich stelle fest, dass mich die Unsicherheit bezüglich meiner finalen Stichprobe hemmt, den theoretischen Hintergrund schriftlich auszuarbeiten.

Ja, gerade läuft wieder so eine Phase, in der ich nicht wirklich entspannt bin. Neben der Frage, ob bezüglich meiner Masterarbeit alles gut geht und ich auch sämtlichen anderen bürokratischen Kram noch rechtzeitig hinbekomme (bzw: nichts verschwitze!) wird die Frage lauter: Und was dann?

Wenn alles gut geht, habe ich Anfang April meinen Abschluss und möchte dann endlich, endlich!!! finanziell unabhängig sein und vor allem ein klein wenig mehr Geld zur Verfügung haben. Ich habe zwar ein unfassbares Glück hinsichtlich der Unterstützung, die ich bekomme, aber es ist nicht das, wo man sich als erwachsene und sehr leistungsbereite Frau sehen möchte. Ich möchte davon endlich frei sein.

Nur: Werde ich so schnell etwas passendes finden?

Mein Traum wäre nach wie vor eine 20-Stunden-Stelle an der Uni - wohl wissend, dass es mit 20 Stunden an der Uni nicht getan ist - und eine Doktorarbeit. Ich habe so um diesen Abschluss gekämpft und habe so vieles "im Vorbeigehen" gelernt, mir für Prüfungen ins Gedächtnis geprügelt und nie war wirklich Zeit, sich mit einem Thema so intensiv zu befassen, wie ich es gern getan hätte. Einmal möchte ich ein Thema in der angemessenen Breite und Tiefe erforschen und eine Promotion kann als Psychologin nur Vorteile haben.

Was wären die Alternativen?

Therapeuten-Ausbildung sicher nicht. Noch einmal 3-5 Jahre, Seminare und vor allem: 20.000 - 30.000 Euro, die man angeblich streckenweise in der Ausbildung wieder "reinarbeiten" kann, aber so ganz nebenbei leistet man hunderte Stunden unbezahlte Arbeit in der Klinik. Und das mit Ende Dreißig, als Alleinerziehende? Sicher hätte ich nachher einen komfortablen Job - aber auch einen, den ich gar nicht unbedingt will, nicht jetzt und eigentlich überhaupt nicht.

Tja, hier hören meine Überlegungen zumeist wieder auf. Es gibt noch eine weitere interessante Fachausbildung, weniger teuer und danach hat man einen noch besser bezahlten Posten, unabhängig von der Gunst von Krankenkassen - über die Details will ich mich hier aber dann doch nicht so sehr auslassen. Und vor allem ist mit einer Weiterbildung die wichtigste Frage noch nicht geklärt und das ist die nach dem Lebensunterhalt.

An dieser Stelle denke ich mir, dass ich heute in einem Jahr bestimmt schlauer bin. Ein Jahr kann so vieles verändern... wenn ich nur daran denke, was sich zwischen dem 2.12.2014 und heute so alles getan hat! Das vergangene Jahr war definitiv eines der besten seit langem. Und auch vor einem Jahr war ich gar nicht sicher, was die nächste Zeit mir bringen würde.

Schon hier hat mir die Erfahrung gut getan, dass es möglich ist, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Mit genug Vertrauen darin, dass alles gut wird, bin ich auch in meiner Entwicklung weiter gekommen.

... und schon habe ich eine E-Mail mit einer Zusage, mein Projekt zu unterstützen, bekommen. Und schon bin ich ein klein wenig entspannter.

Sonntag, 8. November 2015

Schlafen in Zeiten flexiblen Wohnens

Letzter Ferientag. Nach einem schönen Nachmittag mit Freunden inklusive einem ausgedehnten Waldspaziergang sowie einer oberleckeren Bisquitrolle zum Nachmittagstee liegt nun ein frisch gebadeter junger Mann in meinem Bett und hört noch eine Folge "Benjamin Blümchen"-gute-Nacht-Geschichten, bevor er in sein Bett umzieht.

Neulich sah ich auf Facebook ein tolles Bild: Eine riesengroße, selbst zusammengestellte Familien-Kuschelhöhle, in der sowohl ein Elternpaar, als auch die drei Kinder bequem Platz zum Schlafen fanden (hier: Artikel (Kveller)). Ein Traum.

Das Thema "familiäres Schlafen" war für mir schon immer wichtig. Als wir noch zwei (werdende) Eltern waren, war klar: Wir fanden es als Kind beide großartig, zu Mama und Papa ins Bett zu kriechen, also musste unser Bett groß genug sein, um unserem Kind diese Möglichkeit auch zu bieten. Und bald stand - sponsored by Oma - ein 4 m² Naturholzbett in unserem Schlafzimmer.

Also schlief das Kind zuerst im Babybalkon auf meiner Seite, dann im umgebauten Kinderbettchen (seitlich offen) und wanderte nachts immer näher zu mir heran, bis er bis zum Morgen unter meiner Decke lag. Herrlich! Manchmal eng, aber einfach unendlich süß.

Mich störte das nie. Ich gehe sogar so weit, zu sagen: Als jemand, der früher phasenweise mit massiven Schlafstörungen zu tun gehabt hatte, war das schlafende Kind neben mir eine Erlösung. Ab dem Tag seiner Geburt schlief ich selbst wie ein Kind und die Unterbrechungen durch nächtliches Gequäke waren schnell geregelt. Mich hat es nie gestört, das Kind zu versorgen, weil sich das quasi von selbst erledigte und nicht besonders aufwändig war, da das quasi im Schlaf ging. Sobald der Junge zufrieden war, war ich es auch, und abgesehen von ein paar etwas anstrengenderen Phasen, in denen er öfters wach wurde, kann ich rückblickend nur sagen, dass wir einen tollen Weg für uns gefunden hatten. Selbst, wenn er phasenweise darauf bestand, dass sein Kopf mit auf meinem Kissen liegen muss. Das ging sogar ziemlich lang so...

Dann kam die Trennung und als wir unsere Habe aufteilten, waren nur zwei Dinge dabei, die mir wirklich wichtig waren und die ich unbedingt haben wollte (und auch ohne Diskussion bekam, obwohl ersteres nicht von mir mit in den Haushalt gebracht wurde): Der Universalzerkleinerer und das Bett.

Das Bett kam also mit. In der zwei-Zimmer-Wohnung, die ich mit dem Jungen bezog, gab es zunächst kein Kinderzimmer, sondern ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer. Es war klar, dass Schlafen weiterhin Familiensache blieb - der Junge war knapp über anderthalb Jahre alt und brauchte nachts einfach noch seine Mama, was auch völlig okay war.

Bis er drei Jahre alt war blieb das auch die Raumaufteilung. Aber dann kam irgendwann der Wunsch nach einer räumlichen Neustrukturierung, weil es mich nervte, dass überall Spielzeug herumflog. Im Grunde habe ich überhaupt kein Problem mit Spielzeug und ich teile gern jeden Quadratmeter Lebensraum mit meinem Kind, aber ich bin auch ein Mensch, der unheimlich schnell reizüberflutet ist - da ist das Leben mit Kindern an sich schon eine ziemliche Herausforderung. An konzentriertes Arbeiten ist erst recht nicht zu denken, wenn man am Tisch sitzt (und wir reden hier auch nicht von einem Schreibtisch, sondern einem sehr großen Esstisch, der nach wie vor ein Doppelleben führt) und um einen herum aus jeder Ecke knallbunte Teile brüllen: Irgendwann musst du mich aufräumen! Sonst macht es nämlich keiner! 

Damit mein Sohn sich, seine Holzeisenbahnstrecke, sein Bobbycar, achthundertvierundsechzig Pixi-Hefte, seine Fisher-Price-Quäke, seine Bücher, seine Lego Duplo und sämtliches Geröll seiner Kugelbahn gleichmäßig auf einer Fläche verteilen konnte und ich wieder ein ruhigeres Umfeld für mich bekam, wurde aus dem Schlafzimmer ein Kinderzimmer.

Das war der Punkt, an dem ich mit meinen eigenen Klischees über Alleinerziehende konfrontiert wurde: Alleinerziehende haben kein eigenes Schlafzimmer, sondern nächtigen im Wohnzimmer.

Oh. Mein. Gott.

Jetzt bin ich eine davon.

Das aller-bedauernswerteste Bild, das ich früher vor meinem geistigen Auge gehabt hatte, war die Alleinerziehende, die auf dem Sofa - bestenfalls einer Ausziehcouch - im Wohnzimmer schläft: Demütigend. Für mich gehört ein Mensch nachts in ein Bett. Ein Bett, das morgens gemacht wird und dann den ganzen Tag dazu einlädt, sich nach einem anstrengenden Tag darin lang zu machen, den schweren Kopf auf ein weiches und duftendes Kissen zu betten, sich die kuschelige Decke bis zur Nase zu ziehen und in maximaler Geborgenheit, schnurrend, in Morpheus' Arme zu begeben.

Das war natürlich nur mein Bild, meine Vorstellung, meine Wertung. Aber sie führte dazu, dass ich darauf bestand, meine 4 m²-Oase mit ins Wohnzimmer zu nehmen. Ich hätte lieber auf ein Sofa verzichtet, als auf mein Bett. Und ein kleineres kam nicht infrage: Natürlich schlief der Junge nach wie vor nur bei mir ein. Und durch. Nicht immer unbedingt in der Position, die das Format einer 100x200-cm-Matratze vorsieht, sondern auch gern mal diagonal. Oder quer. Aus einem 200x200er-Bett zu purzeln schafft auch nicht jeder. Mein Sohn kann sowas. Undenkbar, wenn da nur 40 cm gefehlt hätten.

So begann das, was ich "flexibles Wohnen" nenne und was ich bis heute -  auch nach meinem Umzug weiterhin Bewohnerin einer "nur"-2-Zimmer-Wohnung von immerhin 60 m² - so gut wie möglich perfektioniere:

Es gibt ein Kinderzimmer und ein Wohn-Schlaf-Arbeits-Esszimmer. Mit vier Quadratmetern Liegefläche.

Die natürlich immer noch gern von meinem Kleinen mit genutzt werden.

Manchmal kann ich den Gedanken nicht wegschieben, dass ich wahnsinnig gerne ein eigenes Schlafzimmer hätte. Für mich allein taugt diese kleine "Multifunktionszone": Mein Bett ist optisch abgetrennt und bildet meine Ruheoase, daneben habe ich eine kleine Sitzecke. Der große Tisch steht von Montag bis Freitag am Fenster, wo er als Schreibtisch dient, und wandert am Wochenende in die Mitte der kleinen Ess-/Arbeitsecke, wo er am Samstag und Sonntag, sofern der Kleine nicht unterwegs ist, zum Essen und Spiele spielen genutzt wird. Und ein paar Mal im Jahr, um Gäste darum zu versammeln und diese ordentlich zu bekochen - meine absoluten Highlights. Ich liebe es, für Freunde Essen zu machen.

Und mein Sohn - liebt nachts immer noch meine Nähe, die ich ihm auch gern gewähre  - weniger günstig ist nur, dass im Grunde auch meine Küche mitten im Wohnzimmer positioniert ist: Sie ist innen liegend, hat also auch keine Fenster (dafür aber eine echt laute Dunstabzugshaube), vom Flur aus begehbar und führt durch eine Schiebetür direkt ins Wohnzimmer (das hat aber auch noch einen extra-Eingang vom Flur aus). Sie ist nicht gerade groß, also kein Raum, in dem man sich auch mal länger aufhalten kann. Wenn der Junge in meinem Bett liegt, belagert er also sozusagen meinen kompletten Rückzugsraum/meine Aufenthaltsmöglichkeiten und da ich ihn nicht wecken will, nimmt mir das ganz schön viele Freiheiten. Ebenso wird er zwar morgens nicht vom Wecker wach, aber spätestens, wenn ich zwischen Bad und Küche unterwegs bin, wacht er auf - was nicht so wäre, wenn ich ein Schlafzimmer hätte, hinter dem ich einfach die Tür zumachen kann.

Das ist so ein kleiner Traum von mir. Entweder eine Wohnküche - oder ein Schlafzimmer für mich. An sich wäre eine richtige Trennung von Wohnzimmer und Küche auch schön.

Trotzdem liebe ich meine Wohnung.



Sie hat das wunderschönste Licht, das man sich vorstellen kann, liegt im Grunde mitten in der Stadt und ist ruhig. Wir werden die Grundschulzeit meines Sohnes mit Sicherheit hier wohnen bleiben und danach ist er zwar in einem Alter, wo er wahrscheinlich nicht mehr Abend für Abend wahlweise fragt, ob a) er in meinem Bett einschlafen darf oder b) ich ihn nachts zu mir hole, wenn ich ins Bett gehe. Eventuell bringt er aber mal - ebenfalls vorpubertäre - Freunde mit nach Hause, und die Vorstellung allein lässt mich wünschen, dass ich dann etwas mehr Privatsphäre habe und die Tür zu meinem Schlafzimmer zumachen kann.

Mittleweile ist der kleine Kerl in seinem eigenen Bett und ich habe wieder mal wieder kein Buch, keine Kochzeitschrift gelesen und keinen Film angeschaut - wie jeden Abend läuft das mit dem gepflegten Müßiggang nicht wirklich.

Nachdem mein Sohn in den Herbstferien so gut wie jede Nacht, die er nicht außer Haus war, bei mir verbracht hat, wird mir etwas fehlen, wenn ich später meine Oase aufsuche. Nur weiß ich eben, dass der Morgen für mich wesentlich angenehmer anläuft, wenn ich auf ihn keine Rücksicht nehmen muss - was meistens auch nicht verhindert, dass er wach wird, ihm eine Stunde Schlaf fehlt und ich morgens in der ersten Stunde nach dem Aufstehen wesentlich mehr akustischen Input bekomme, als meine gute Stimmung vertragen kann. Klar beiße ich die Zähne trotzdem zusammen und lächle, aber es ist einfach nicht dasselbe, wie wenn ich die erste Stunde Ruhe hatte, meinen Sohn frisch geduscht nach dem ersten Kaffee mit einem Hexspruch (er liebt Bibi Blocksberg) oder einem aktuellen Running Gag wecken kann.

Also muss es mit einem Blick auf das schlafende Kind in seinem Bett und einem träum-süß-Küsschen auf die Stirn gut sein. Die Zeit, in der ich das Abend für Abend tue, wird schneller vorbei sein, als ich "Pubertät" sagen kann...

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Eine Geschichte über das Alleinsein und große Pläne

Wenn ich anderen Leuten von meiner Masterarbeit erzähle, ist die häufigste Reaktion so in etwa:

"Bist Du irre? Warum machst Du das?! Das ist ja 'ne Doktorarbeit!!! Hätte das nichts Einfacheres sein können?".

Jaaaa.... Hätte es. Aber das wäre mir zu langweilig: Ich liebe Herausforderungen!

Davon habe ich eigentlich genug. Seit etwas mehr als fünf Jahren bin ich alleinerziehend. Das läuft  allerdings (ausnahmsweise) nicht unter "Habe ich mir ausgesucht, weil mir alles andere zu langweilig wäre!" - nein, das war nun wirklich nicht geplant.

Relativ spät hatte ich im Herbst 2007 mein Studium aufgenommen. Der Entschluss dazu rührte daher, dass ich nach dem frühen Tod meines Vater verstand, dass das Leben zu kurz ist, um nicht wenigstens zu versuchen, meinen Traum zu verwirklichen - und dabei auch ein gewisses Risiko und Unannehmlichkeiten (vor allem finanzieller Natur) in Kauf zu nehmen.

Also begann ich das lang ersehnte Psychologiestudium (Ja, ich hätte mir vielleicht vorher überlegen sollen, in welchen Fächern ich das Abi schreibe. Am Ende hatte ich zwar das große Latinum, aber einen Schnitt, der nach "Wartesemster bis zur Rente" aussah... daher auch die "kleine" Verspätung). Ein paar Monate davor hatte ich mich neu verliebt und der Himmel hing voller Geigen.

Im Juni 2008 hielt ich dann einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Die existentielle Veränderung Mutter zu werden bedeutet glaube ich für jede Frau einen komplett neuen Anfang. Bei mir war im "Lieferumfang" ein völlig neues, mir absolut nicht vertrautes Betriebssystem enthalten -  ein "Dual Cor" (pun intended, das -e habe ich nicht verbummelt) -Prozessor brauchte Sonja 2.0. Wenn ich heute überlege, was mich als Person ausmacht, waren diese sechs Jahre wohl die prägendsten. Auch wenn ich durchaus aus meiner "ersten" Biografie, in der ich mit massiven Erschütterungen zurecht kommen musste, viele Lernerfahrungen mitgenommen hatte.

Sobald ich schwanger war, ging alles verdammt schnell:

Im August 2008 Umzug in eine größere Wohnung,
Eheschließung im Dezember,
Söhnchens Geburt im Februar 2009 (pünktlich zur Wirtschaftskrise),
im August Umzug in eine kleinere Wohnung mit Garten -
und im Mai 2010 die bittere Erkenntnis, dass meine Ehe eigentlich überhaupt keine Basis hatte.

Ein paar Monate versuchten wir es, aber im Grunde war es eine total hoffnungslose Sache - und im Oktober 2010 zog ich mit dem Kleinkind aus. Zu dem Zeitpunkt war ich auch nach anderthalb Jahren Pause wieder richtig ins Studium eingestiegen.

Es folgten vier Jahre, die ich "Exil" nenne. Die räumliche Nähe von Universität, Kinderkrippe und meiner Wohnung war essentiell, was mich auch aus finanziellen Gründen in ein Wohnviertel beförderte, wo ich völlig abgeschnitten zum Rest meiner Welt mit meinem Kleinen in einem Plattenbau mit 22 Etagen lebte. Hier stiegen die Leute mit Kippe in der Hand aus dem Aufzug aus, die Grünfläche um das Gebäude war eigentlich ein riesiger Aschenbecher und überall lagen Hundekacke, Plastikmüll und zerbrochene Glasflaschen herum. Die Wohnung war zwar schön geschnitten, aber die Fenster gingen bis auf eines nicht mehr auf und die Küche fiel auseinander. Sozialromantik, dachte ich mir - auch gut. Muss man auch mal erlebt haben.

In meinem Exil gehörte ich irgendwie nirgendwo richtig dazu - mit meinen Kommilitionen hatte ich wenig gemeinsam. Zehn Jahre Altersunterschied sind dabei nicht das größte Problem. Viel schwieriger ist es, einen Draht zu und Gemeinsamkeiten mit Leuten zu finden, die im Grunde noch Kinder sind, während man selbst ein Kind hat.

Außerdem war ich anfangs einfach erst einmal grundsätzlich angepisst, wenn jemand weniger Probleme hatte, als ich. Das ging ja gar nicht!

Und in der Gruppe der Eltern (in der Krippe, im Kindergarten) war ich - tatsächlich - immer die einzige Alleinerziehende. Und auch das ist ein Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte. Paare machen etwas mit Paaren. Elternpaare machen kaum etwas mit Alleinerziehenden. An den Wochenenden wollen alle etwas mit der Familie unternehmen und nicht viele haben Lust darauf, sich mit einer Alleinerziehenden zusammenzusetzen, die frustriert, gestresst und gereizt ist und echt übel aussieht. Das gilt natürlich nicht für Paare, die man schon lange kennt und mit denen man lang befreundet ist - aber die waren bei mir ja in einer anderen Stadt, eine Stunde Fahrzeit mit den Öffis und jeweils über 8 Euro fürs Ticket entfernt.

In diesen vier Jahren gab es eigentlich nur zwei Dinge: Meinen Sohn und mein Studium. Der Junge war glücklicherweise immer in guten Einrichtungen untergebracht - zunächst in einer studentischen Kinderkrippe, wo man sich sehr liebevoll um ihn kümmerte - und später in einem Montessori-Kindergarten, den er heute noch vermisst, weil er in dieser kleinen Welt einfach total gut aufgehoben war.

Aber ich ging auf dem Zahnfleisch.

Ich hatte ständig Schmerzen und teilweise das Gefühl, nicht mal mehr die Kraft zum Sprechen zu haben. Teilweise ging mir tatsächlich auch meine Stimme flöten - los ging es im Winter 2011, da bekam ich dann Cortison und Sprechverbot. Sprechverbot! Mit einem zweieinhalbjährigen Kind!
Im Jahr 2012 musste ich nach einem beunruhigenden Krebsvorsorgebefund unters Messer und ab da wurde meine Verfassung immer schlechter. Nachts heulte ich in mein Kissen und war nur noch erschöpft. Den Winter darauf war ich fast drei Wochen am Stück auf Antibiose, weil mein Körper nicht mehr die Kraft hatte, die Streptokokkeninfektion, die mein Sohn aus dem Kindergarten mitbrachte, abzuwehren. Und mein Hormonsystem ist dann mal so richtig ausgestiegen.

Ich hatte das riesige Glück, dass das kleine bisschen Verwandtschaft, das ich habe - meine Mutter, mittlerweile 72 Jahre alt, meine Cousine und ihr Mann - mich nach Kräften unterstützten und nach wie vor immer hilfsbereit sind. Wenn ich jemanden brauchte, der wegen einer späten Lehrveranstaltung den Jungen aus der Betreuung abholte, hatte ich immer jemanden. Und die Zeit arbeitet ja für einen: Ab einem gewissen Alter konnte der Kleine auch mal übers Wochenende zu seiner geliebten Omi und ich hatte Zeit für mich. Ab und an kümmert sich auch der Papa, der uns ansonsten dankens- und anerkennenswerter Weise finanziell weit über seine Verpflichtungen hinaus unterstützt.

Die Zeit ohne Sohn nutzte ich allerdings nicht, um mich zu erholen, sondern butterte alle Energie in mein Studium, in Klausurvorbereitung, Referate, Hausarbeiten und 2013 meine Bachelorarbeit.

Danach war ich so fertig, dass meine Krankenkasse meinen Antrag auf Kur nicht einmal eine Woche, nachdem ich ihn eingereicht hatte, genehmigte. Im September 2013 ging es auf Mutter-Kind-Kur in Richtung Sylt, wo mich dann die Zusage für meinen Masterplatz -  Semesterbeginn: Oktober 2013 - erreichte. Mit einem Schnitt von 1,7 im Bachelor war ich gerade noch so mit hineingerutscht.

Im August 2014 zog ich mit meinem Sohn wieder zurück in meine Heimatstadt - er war groß genug, dass ich ruhigen Gewissens auch pendeln konnte und mein Netzwerk hatte sich super etabliert.

Dass es mir hier besser gehen würde, war mir schon klar gewesen - wie sehr, das kann ich heute beurteilen. Ich hatte seit meinem Umzug vor knapp 15 Monaten nur einmal einen Infekt, der mich zum Arzt führte. Mein Schmerztablettenkonsum hat sich auf "gelegentlich" eingependelt, weil meine Verspannungen wesentlich besser wurden und ich bin zwar immer noch nicht der kontaktfreudigste Mensch (als jemand, der von seinem 19. bis zum 30. Lebensjahr allein gelebt hat, zähle ich wohl zu dem, was man als "Eigenbrötler" bezeichnet), aber die Menschen, die mir etwas bedeuten, sehe ich regelmäßig und habe mehrmals die Woche abends Besuch von lieben Freunden.

Ich bin wieder offener geworden, im Kontakt mit mir selbst und habe meine Gefühle im Blick. Ich gehe meistens gut gelaunt durch die Welt, gebe regelmäßig was ab an Leute, die weniger haben und nehme den Fuß vom Gas. Ich habe Pläne, Visionen und kann mich selbst mit Humor nehmen (und meinen Sohn - eine Strategie, die Leben rettet...). Und ich bin platt, was ich alles geschafft habe - damit meine ich nicht mein Studium, sondern meine persönliche Entwicklung.

Das Studium ist nun in seiner letzten und spannendsten Phase. Ich habe mich entschlossen, eine der Fragen, die mich selbst als Alleinerziehende bewegt haben, zum Thema meiner Masterarbeit zu machen. Was für ein Luxus! Ein eigenes Anliegen, eine Frage, die mich ganz persönlich und privat interessiert, mit wissenschaftlichen Mitteln zu beantworten - für mich ein Traum!

Gestern Abend hatte ich ein spannendes und für mich äußerst fruchtbares Gespräch mit Dr. Alexandra Widmer (www.starkundalleinerziehend.de), die ich kontaktierte, weil ich Sie gerne um Unterstützung bei der Rekrutierung meiner Stichprobe bitten wollte. Dabei wurde mir auch klar, dass meine persönliche Geschichte hier eine wichtige Rolle spielt - und ich als Person.

So kam mir die Idee mit dem Blog - die Idee, mich in dieser Phase mitzuteilen, diese anstrengende, letzte Phase im Studium (vor der Doktorarbeit, das wäre der nächste Schritt) - je nachdem, wie meine Zeit es zulässt - zu dokumentieren und meinen Alltag, meine Gedanken, Hochs und Tiefs mit anderen zu teilen, die so eine Art von "Krimi" vielleicht interessiert.

Ein weiteres Anliegen ist, auf diesem Weg andere Alleinerziehende zu erreichen, um mich bei meiner Masterarbeit zu unterstützen und meine Befragung mitzumachen. Zu dieser werde ich gleich im nächsten Beitrag etwas schreiben: "Das Projekt".